Wie ich mich in der Trennungsphase in ein Auto verliebte
Das Jahr hat nicht leicht begonnen, sondern mit massiven Enttäuschungen. Und mit einer ganz miesen Trennung. Ich fühlte mich teils tonnenschwer, obwohl ich dabei leichter wurde.
Letztens habe ich die Doku über Herbert Grönemeyer gesehen und irgendwann sagte er, dass seine Lieder immer aus den tiefsten Emotionen wie Liebe, Trauer, Schmerz entstanden seien. Er hätte nicht über etwas ‚Fiktionales‘ schreiben können. Genau so geht es mir auch. Es muss aus mir kommen, echt und von Herzen.
So erinnerte ich mich kürzlich an den einen Autohändler, dem ich Anfang 2019 mein Auto verkauft hatte. Damals hatte ich tagelang wegen des anstehenden Verkaufs geheult und wochenlang versucht, mein jahrelang treues Auto doch irgendwie behalten zu können. Ich war von einer Werkstatt zu Nächsten gefahren. Doch ich erntete jedes Mal Kopfschütteln bezüglich einer Reparatur und dazu niedrige Kaufangebote. Das Auto hing auch mit meinem Vater zusammen. Es war nach seinem Tod und in jeglichen Krisen mein sicherer Raum gewesen. In ihm konnte ich lachen, schreien, zu lauter Musik mitsingen, streiten, ohne auf Nachbarn zu achten und wegfahren, wenn mir alles zu viel wurde. Es war der Blick in die Freiheit, wenn mir meine Wohnung zu klein und eng wurde. Ich mochte noch nie öffentliche Verkehrsmittel, allen voran die U-Bahn.
Dezember 2018: Die kleine rote Lampe war angesprungen, genau als ich meinen Wiesn-Flirt aus Paris nach Wochen wieder treffen sollte. Die rote Lampe als sogenannte ‚red flag‘? Nach einer schweren Bronchitis, ich hustete immer noch schlimm. Doch ich dachte, das wird nichts Großes sein. Aber dieses Treffen war groß, für mich, wie alle Themen zu dieser Zeit. Auch dieses Date, was per se harmlos und nett, aber im Nachgang ernüchternd bis niederschmetternd war.
Einige Wochen später kam der Tag der Entscheidung. Mein langjähriger Audi-Berater sagte zu mir: ‚Akzeptieren sie, dass dies ein wirtschaftlicher Totalschaden ist. Das zu reparieren übersteigt den Wert des Autos jetzt. Und bei dem Modell kommt als Nächstes die Kupplung. Und so kommen Sie jetzt nicht durch den TÜV.‘ Aus der Traum…
Der coole Händler hatte mir in all meinem Chaos das fairste und beste Angebot gemacht und mich dabei verschmitzt angelacht. Er war nicht einer dieser komischen Typen, vor denen man Angst hatte, dass sie einen gnadenlos über den Tisch ziehen. Er war einfach sympathisch und gelassen. Und in seinem Hof standen nur die coolsten Autos. Er erinnerte mich auch an meinen ehemaligen Kampfsporttrainer.
Es waren zu dieser Zeit ganz merkwürdige Zufälle und Schicksalsschläge ineinander verwoben. Kurz nachdem ich also mein Auto mit blutendem Herzen an den Händler verkauft hatte, starb genau dieser Trainer total plötzlich. Er, der immer gesagt hatte, dass sein Körper aus Stahl sei, lag einfach tot in seinem Bett mit Mitte/Ende 30, wie mir zugetragen wurde. Ich denke noch heute oft an ihn. Er war ein besonderer Mensch, mit seinem schwarzen Bart und seinen überaus festen Handgriffen, wenn er einen im Training streng zurechtwies: ‚Hey Ballerina, Du musst das aber so machen!‘ Obwohl er äußerlich einen finsteren Eindruck machte, haben ihn irgendwie alle geliebt, die ihn kennengelernt haben, weil hinter der rauen Fassade ein sehr liebenswürdiger Mensch steckte. In seinem Selbstverteidigungskurs waren damals wohl fast alle Mädels in ihn verknallt.
Wenige Wochen später saß ich dann in einer Weiterbildung. Es war trüb und es regnete seit Tagen. Ich war bei der Kälte mit dem Bus hingefahren und fühlte mich schrecklich. Ohne Auto zu sein fand ich grauenhaft, aber es war zu dieser Zeit die vernünftigste Lösung. Um das Gebäude herum waren Bordelle und fiese Gewerbeflächen mit bunten, ollen Plakaten, die von den Fassaden hinabhingen.
Nachdem sich in dieser trostlosen Umgebung alle Teilnehmer höflich formell in der Runde vorgestellt und ihre Ziele formuliert hatten, platzte es aus mir heraus: „Ich fühle mich hier wie bei einer Beerdigung, mit dem Blumengesteck mittig im Stuhlkreis, der wie ein Trauerflor wirkt und all den unsicheren Gesichtern. Ganz ehrlich, mein Leben ist gerade einfach total unglamourös!!!!“ In diesem Moment fing die steife Runde um mich herum an, laut loszuprusten und zu lachen. ‚Ach, Julia, Du sprichst mir aus dem Herzen. Wie recht Du hast!‘ rief mir eine andere Frau zu. Das Eis war gebrochen und alle aus der Runde entspannten sich ein bisschen. Ein paar Tage später schien zumindest wieder die Sonne.
In den folgenden Monaten fuhr ich, wenn es nicht regnete, jeden Tag 20 km mit dem Fahrrad dorthin und zurück. Morgens bergauf Gestrample, abends bergab. Bei teils sengender Hitze eines sehr heißen Sommers, der dann sehr plötzlich kam. Ich sang dann manchmal Schlagerlieder beim Radeln, weil ich die Weiterbildung doch sehr schnell hasste. Schön ist es auf der Welt zu sein….
Das Groteske ist, dass ich außerhalb der Wiesn fast nie Schlagerlieder hörte. In Stress-Situationen haben sie aber einen absolut positiven Effekt auf mich gehabt. Vor allem seit dem Tag, als auf dem Rückweg ein Hund 300 m vor meinen Augen von einem Auto überfahren wurde. Ich habe das Bild heute noch vor Augen. Damals hatte ich eine Woche lang solches Sodbrennen, dass ich kaum was essen konnte. Meinem Vater konnte durch solche Vorfälle auch immer alle komplett verdorben sein. Die naiven Liedtexte aktivierten mein Gehirn, in dieser Zeit nicht manchmal auszurasten. Sag mir Quando, sag mir wann…
Zurück zum Autohändler im Jetzt und dem Objekt meiner Begierde.
April 2026: Ich hatte einen Termin in einem anderen Münchener Stadtteil und so war der Händler nicht weit davon. Los geht’s, einfach mal ein paar Autos anschauen. Kurz darauf betrat ich das mondäne Autohaus. Der Händler erkannte mich schnell und begrüßte mich aufmerksam. Ich guckte mir ein paar Modelle an. Doch im hochpreisigen Segment traute ich mich eigentlich gar nicht zu schauen. Um mich herum Merces G-Klasse, Bentley, Porsche, etc. Wir unterhielten uns nett und gingen auch zu meinem jetzigen Auto. Er gab mir ein paar Tipps, welche Kategorie passend sein könnte und was mein aktuelles Auto wert sei. Die ‚günstigeren‘ Autos standen aber woanders. Doch an diesem Tag hatte ich keinen Kopf dafür.
Als ich wieder zuhause war, durchstöberte ich abends dessen Homepage und entdeckte ein Modell, an dem ich Stunden vorher einfach vorbeigelaufen war, weil ich dachte, es käme überhaupt NIEMALS in Frage. Ich sah aber den Preis und war begeistert.
Ich rief ihn wieder an und fragte, ob ich mir den Wagen anschauen kann. ‚Ja klar, kein Problem, kommen Sie einfach wieder vorbei.‘
Aufgeregt fuhr ich erneut dorthin und setzte mich in dieses Wahnsinns-Auto. Ich fühlte mich wie die Queen höchstpersönlich. Die Innenausstattung war so luxuriös und das ganze Auto war so auffällig, dass ich Herzrasen bekam. ‚Sie können auch eine Probefahrt machen‘. Ich dachte sofort, ob ich in der Aufregung das ganze Gelände zusammenfahren würde. Also bat ich ihn, einfach mal den Motor anzulassen. Der Sound war unglaublich. Ich stand da und dachte: Ich will den. Ich will dieses Auto. Ich sah mich in verschiedenen Situationen mit diesem Auto in der Stadt oder auf der Autobahn, den Motor aufheulen lassend, grinsend, souverän, an allen cool vorbeirauschend. Ein richtiger Angeberschlitten.
Doch der Händler stieg wieder aus und klärte mich über die Unterhalts- und möglichen Reparaturkosten auf. ‚Schau Dir doch lieber das und das Modell an. Die stehen aber in der anderen Garage. Da müssen wir hinfahren.‘ -‚Ja gut, dann fahren wir dahin‘. Ich hatte mir vorab zwei weitere Modelle notiert. Also stieg ich mit ihm in einen unauffälligen Wagen und wir fuhren los. Kein Mensch wusste, wo ich gerade war. Geschweige denn ich selbst.
Wenige Minuten später standen wir vor einem riesigen Parkhaus. Kein Mensch weit und breit. Eine ganz eigenartige Gegend. Er durchfuhr die Schranke und brauste um die Kurven von einem Geschoss ins Nächste. Ich dachte, ok, wenn ich jetzt dem Falschen vertraut habe und er mich in einen Kofferraum packt, bekommt das keiner mit. Nicht mal Geschrei von mir vorab. Ich, die nachts nicht alleine durch den Park laufen würde, hatte komplettes Vertrauen. Es gab auch ganz andere Situationen in meinem Leben, wo ich in Panik verfallen bin, weil mein Bauchgefühl so mies war, dass sich alles in mir zusammenschnürte. Aber hier war ein Grundvertrauen: wir plauderten und ich machte Scherze, weil ich in dem Moment null Komma gar keine Sorge hatte.
Plötzlich taten sich unglaublich viele Autos vor mir auf, nicht viel weniger wert. Ich lief zu den zwei anderen Modellen, doch nach dem ersten Auto erschienen sie mir vollkommen uninteressant. Ich drehte mich zu ihm: ‚Jetzt, wo ich diesen Superschlitten gesehen und gehört habe, bin ich nur noch auf den fixiert, auch wenn es bar jeder Vernunft ist.‘ – Ja, das verstehe ich, aber Sie müssen sich informieren mit Versicherungskosten, etc. Der wird richtig teuer im Unterhalt.‘
Wir fuhren zurück. Ich war total aufgeregt und ich kam mir auch ein bisschen schäbig vor, weil ich mein jetziges Auto sehr liebe. Auch dieser Kauf hatte eine besondere Vorgeschichte und war nach langer Recherche eine echte Herzensentscheidung gewesen. War ich gerade am Überschnappen?
Wir redeten noch nett miteinander und dann fuhr ich davon. Den ganzen Abend schaute ich mir die Videos von dem Auto an und war voller Adrenalin. So hatte ich mich seit Wochen nicht gefühlt. Allein dieses Gefühl war es schon wert gewesen: ich fühlte mich total euphorisch und aufgeladen.
Am nächsten Tag rief ich meinen Ex-Freund an, weil ich ihn um Rat fragen wollte, obwohl wir seit Wochen nicht gesprochen hatten. Eine dumme Entscheidung: Statt souverän und cool zu sein, bekam ich direkt einen hysterischen Lachkrampf, wir verzettelten uns und stritten sofort wieder. Er schrie gleich: Jaaaa, damals hab ich Dir schon gesagt, Du hättest Dein Auto gar nicht verkaufen müssen, aber Du hast ja wieder nicht auf mich gehört!!!! Sag jetzt sofort, was Du Dir für ein Auto holen willst. Sag es jetzt! Nein, verrate ich Dir nicht, sonst kaufst Du das noch…. Und legte auf. Ich schämte mich für meinen Lachanfall und dass ich ihn überhaupt noch mal angerufen hatte.
Danach rief ich einen anderen Freund an, der sich super mit Autos auskannte. Dieser hatte mich auch früh geprägt hinsichtlich der Begeisterung für Rennmotorräder. Aber er riet mir schnell von einem Kauf ab mit dem Worten: Das ist eine Geldvernichtungsmaschine!
Ich war jedoch innerlich so in Fahrt, dass ich die Versicherung anrief und mir alles kalkulieren ließ. Mir wurde schon ganz anders. Ich fragte also ChatGpT. Die Reaktion war ähnlich. Der Tipp: Ich solle mich gut informieren, kalkulieren und schauen, ob die Begeisterung in der nächsten Zeit abflacht oder nicht. Ich dachte: Wenn nicht jetzt, wann dann?!
Die Vernunft brachte mich jedoch dazu, das Thema doch noch mal ein paar Tage sacken zu lassen und ich merkte schnell, dass es auch um etwas anderes ging: Ich hatte mich seit Wochen mal wieder richtig mit Leidenschaft mit einem Thema beschäftigt, das schöner als eine miese Trennung ist und mein Herz mal wieder freudig hochhüpfen ließ.
Das Leben bekommt einen anderen ‚Drive‘, wenn man durch positive Aufregung wieder richtig für sich aktiv wird, mutige Schritte wagt und einfach mal wieder was Unkonventionelles oder Verrücktes ausprobiert. Und wenn es nur wegen einer Phantasie oder eines Projekts ist, das blöde Gedanken vertreibt und stattdessen wieder zum Träumen und Großdenken einlädt.







